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Kulturjournal Regensburg vom 01.10.2009

Rund um den Dachauer Platz


Neben der Pauluserwacht kannte man zumindest noch bis 1902 weitere sieben Wachten: Westner-, Scherer-, Wildwercher-, Donau-, Wahlen-, Wittwanger- und Ostnerwacht. Diese waren für die städtische Verwaltung und die Hausnummerierung verbindlich. Gebäude hatten früher meist sprechende Namen wie Freisinger Hof oder sogenannte Literanummern.Jeder Wacht war ein Buchstabe zugeordnet – der Pauluserwacht das G – die Gebäude selbst erhielten fortlaufende Nummern. Auf alten Schildern sind diese zum Teil noch sichtbar, so am Hotel Weidenhof, das mit G 129/30 gekennzeichnet ist. Am 23. September 2009 fanden gleich zwei bedeutende Ereignisse statt. Die Markthalle Regensburg bekam ihren kirchlichen Segen und erste Gäste und Kunden bevölkerten das Erdgeschoss des frisch sanierten Parkhauses. Einen Steinwurf entfernt – im Innenhof des Neuen Rathauses – feierte man die Übergabe des neuen Bürger- und Verwaltungszentrums, des „ganz neuen Rathauses“, wie Oberbürgermeister Hans Schaidinger es bezeichnete. Märkte und Verwaltungszentren ziehen Menschen an und das Quartier rund um den Dachauplatz hat Besucherfrequenz dringend nötig. Insbesondere die Geschäftsleute in der Maxstraße erwarten sich von der Öffnung der Markthalle eine Belebung des Publikumsverkehrs. Nicolaus Stark hatte bei der Vergabe der Standflächen großen Wert auf den Branchenmix gelegt: frische Produkte, hohe Qualität und Angebote, die es sonst in der Stadt nicht gibt. Eine Wein- und Cafebar hat vis-à-vis des Historischen Museums aufgemacht und an den Ständen findet sich frisches Obst und Gemüse, Säfte, Wein, Fisch, Wild, Blumen, Brot, Dampfnudeln, Käse, Suppen sowie Fleisch und Wurstwaren.
Wie man mit diesen Rohstoffen umgeht, kann man in der angegliederten Kochschule lernen und ab November kommt noch die ganze Vielfalt eines gut sortierten Supermarktes hinzu – alles Bio, versteht sich. Das Angebot werden nicht nur die 200 Mitarbeiter schätzen, die bald das – von Investor Immobilien Schmack realisierte und von der Stadt für 30 Jahre gemietete – „dritte Rathaus“ beziehen.

 

Doch diese beiden Einweihungen sind nur ein Meilenstein in der langen und wechselvollen (Entwicklungs-)Geschichte rund um den Dachauplatz. Blickt man in die Zukunft, so wird mit Sicherheit mit dem nördlich angrenzenden Karmeliten Hotel etwas geschehen. Das bedeutsame Haus, in dessen Kellern die steinerne Gründungstafel des Marc Aurel von 179 nach Christus gefunden wurde und in dessen Obergeschoss der Brauer, Hotelbesitzer und Sumatrareisende Ludwig Bergmüller einen leibhaftigen Orang-Utan einquartiert hatte, wird bald saniert oder ausgebaut werden. Am Schwanenplatz, der erst durch die Verkehrsplanungen der 50er- und 60er-Jahre mit unwiederbringlichen Abbrüchen – Stichwort „Bayerwaldbrücke“ – entstand, besteht städtebaulicher Handlungsbedarf. Ebenso könnte man sich für das Kolpinghaus eine neue Lösung vorstellen und weiter hinunter zur Donau soll in Anlehnung an die bis in die 50er-Jahre existierende Bebauung am Donaumarkt die städtebauliche Wunde geschlossen werden. Zwischen den Parkhäusern Dachauplatz und St. Petersweg laufen derzeit Untersuchungen, ob es sinnvoll ist, hier ein „Sanierungsgebiet Schäffnerstraße“ festzulegen. Und mit dem geplanten Neubau des Parkhauses am Petersweg wird eine weitere innerstädtische Großbaustelle entstehen. Die Zukunft rund um den Dachauplatz hat also gerade erst begonnen. Zeugnisse der Vergangenheit können heute noch im Parkhaus am Dachauplatz bewundert werden. Von der Königsstraße aus ist der Zugang frei auf die Reste der ehemaligen Ostmauer des Römischen Legionslagers castra regina. Der Zugang zum Lager war durch dieporta principalis dextra, die im Mittelalter dem „Schwarzen Burgtor“ weichen musste und seit 1873 vom Hotel Karmeliten überbaut ist, gewährt. Von hier zog sich die via principalis schnurgerade nach Westen, um an der Kreuzung
der heutigen Wahlen- und Gesandtenstraße in die porta principalis sinistra zu münden. Ein in das Pflaster des Neupfarrplatzes eingelegtes Marmorband kennzeichnet diesen Verlauf der römischen Ost-West-Hauptstraße. Auch die allmähliche „Bajuwarisierung“ des Römerlagers ist an der Mauer unter dem Parkhaus ablesbar: Hier wurden Höhlungen entdeckt, die dem agilofingischen Adel des 6. und 7. Jahrhunderts als Begräbnisschächte dienten.

Überbaut wurde die Römermauer erstmals 1329 mit einem mächtigen Erweiterungsbaudes Klosters St. Maria-Magdalena, einem 1229 gegründeten Konvent, in den die Klarissen eingegliedert wurden. Zusammen mit dem Karmelitenkloster St. Joseph und dem Mittelmünster und späteren Jesuitenkloster
St. Paul dominierten die Wacht, die von letzterer Einrichtung ihren Namen bezog, und geistliche Bauten. So wurde die Pauluserwacht zeitweise auch „Pfaffengau“, die Straße Am Brixener Hof und die Schäffnerstraße auch „Pfaffengasse“ genannt. Bis zur Erhebung Regensburgs im Jahre 1245 konnte die Pauluserwacht angesichts der höfischen Gebäude wie dem Herzogshof allerdings als Regierungsviertel gelten.


Die Präsenz der geistlichen Gebäude nahm aber bald großen Schaden. Mit der Beschießung der Stadt Regensburg durch die napoleonischen Truppen am 23. April 1809 und dem daraus resultierenden großen Brand wurden das Klarissenkloster und St. Paul zerstört. Die Klosterbrauerei wurde zwar wieder aufgebaut, doch auch sie musste samt Biergarten und angrenzender Kegelbahn weichen: 1971 wurden die Gebäude zwischen der Königsstraße und dem Dachauplatz (siehe Bildfolge oben) in Höhe des einmündenden Minoritenweges abgerissen und das Parkhaus wurde errichtet. Auch die Klosterbrauerei der Karmeliten verschwand; an ihrer Stelle wurde das gleichnamige Hotel erbaut.


Der Angriff der Franzosen auf Regensburg hatte letztlich auch städtebauliche Folgen.
Das zerstörte Quartier wurde neu organisiert und die Maximilianstraße als bis dahin in Regensburg völlig unbekannte gerade verlaufende Prachtstraße konzipiert. Rechtwinklig dazu wurden die Querstraßen angeschlossen. 1811 schrieb der Freiherr von Weichs, der königlich bayerische Hofkommissär: „Von den Tempeln der Karmeliten und der Alten Kapelle wird ein schönes Perspektiv auf das Monument des großen Kepler führen.“ Das Kepler-Denkmal stand also einst genau in der Flucht der Maxstraße, bis es im Zuge der Bauarbeitendes Bahnhofes (Fertigstellung 1864) aus der Blickachse nach Westen versetzt wurde. Der Bahnhof galt forthin als Point-de-Vue.

Um diese Zeit kamen weitere Prachtbauten in die Pauluserwacht: die Klarenangerschule, heute Sitz einer Versicherung an der Ecke Königsstraße/D.-Martin-Luther-Straße, die Villa Gschwendner, 1955 für den Neubau der Industrie- und Handelskammer abgebrochen,sowie die Villa Aretin – heute durch das sogenannte Schießl Hochhaus ersetzt. Bis in die 30er-Jahre hieß die D.-Martin-Luther-Straße noch Klarenangerstraße und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden visà-vis der Ostenallee mehrere herrschaftliche Gebäude. Auch die Erstellung des Parkhotels Maximilian fällt in diese Zeit.

Rund um den Dachauplatz gibt es aber nicht nur eine bewegte, sondern auch eine tragische Geschichte, wie Pfarrer Wolfgang Lahoda bei der Einweihung der Markthalle Regensburg noch einmal deutlich machte. Der Platz, der durch das napoleonische Feuer entstand, hieß zunächst Exerzierplatz, später Kasernplatz, 1933 wurde er in Moltkeplatz umbenannt. Am 23. und 24. April 1945 wurden drei Männer ermordet, die sich in den letzten Kriegstagen für die kampflose Übergabe der Stadt Regensburg an die Amerikaner eingesetzt hatten. Der Domprediger Dr. Johann Maier und der Lagerarbeiter Josef Zirkl wurden von den Nazi-Schergen am Platz erhenkt, die Leiche des zuvor erschossenen ehemaligen Polizeiinspektors Michael Lottner wurde unter den Galgen gelegt. Seit 1975 erinnert eine Stele von Dombauhüttenmeister Richard Triebe an das Schicksal dieser couragierten Bürger, die ihre Stadt vor schlimmer Zerstörung bewahrt hatten.

 


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